Erlebnisreiseanbieter Vivido will auch im Reisebüro punkten
Das Reise-Startup Vivido paketiert seit 2022 Flüge, Hotels und kuratierte Erlebnisse zu dynamisch kalkulierten Individualreisen. Und öffnet sich jetzt gezielt für den stationären Vertrieb. Gründer Tobias Boese (Foto) berichtet im Gespräch mit Reise vor9 über die Zukunftspläne und die nächsten Schritte.
Vivido
Der touristikerfahrene Gründer Tobias Boese will mit seinem neuen Unternehmen Vivido im kommenden Jahr den Break-even erreichen
Wer eine Heißluftballonfahrt über Kappadokien buchen will, landet bei klassischen Veranstaltern schnell in einer Sackgasse. Flug, Hotel und Erlebnis passen zeitlich nicht zusammen, die Preise sind intransparent, die Buchung zieht sich. Genau dieses Problem will Vivido lösen. Hinter dem 2022 gegründeten Unternehmen stehen Tobias Boese, zuvor Gründer von Weekend.com und nach dessen Verkauf an Trivago zeitweise im Konzern tätig, sowie Karl Bock, Gründer des auf barrierefreies Reisen spezialisierten Veranstalters Runa Reisen.
In Fokusgruppen während der Pandemie stellten sie bei der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell fest: Menschen haben klare Erlebniswünsche. Polarlichter, Safaris, Kajaktouren durch Fjorde. Aber um zum Ziel zu kommen, basteln sie sich (gezwungenermaßen) alles selbst zusammen. Kein Veranstalter wurde als Anlaufstelle genannt. Hier soll nun Vivido ins Spiel kommen.
Vivido stellt die Erlebnisse in den Mittelpunkt jeder Reise
Der Anbieter positioniert sich bewusst abseits der klassischen Pauschalreise. Jede Reise wird vom Erlebnis her gedacht, nicht von der Destination oder dem Hotel. Und tatsächlich finden sich zunehmend Kunden, die diese bequeme Art der Reisezusammenstellung nutzen. Pro Buchung würden durchschnittlich drei Erlebnisse hinzugebucht, berichtet Boese im Gespräch mit Reise vor9.
Der durchschnittliche Warenkorb liege je nach Saison zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Vivido punktet dabei durch sofortige Buchbarkeit inklusive der Ausflüge: Ein Preiskalender zeigt nach Eingabe von Abflughafen und Reisezeitraum den finalen Preis. Das Portfolio umfasst aktuell rund 200 kuratierte Reisen mit jeweils drei bis zehn optionalen Erlebnisbausteinen, etwa die Hälfte des Umsatzes entfällt auf europäische Ziele.
Im Jahr 2027 soll der Break-even gelingen
Ein rund 30-köpfiges Team arbeitet inzwischen für Vivido mit Sitz in Steinhagen, darunter ein Entwicklungsteam in Rumänien. Die Kerntechnik hat Vivido selbst entwickelt, weil bestehende Paketierungslösungen wie etwa der Travel Compositor von Nezasa keine Erlebniskomponenten logisch mit Flügen und Hotels verknüpfen könnten, so Boese. Vividos System arbeitet mit Business Rules, die automatisch prüfen, ob Flugzeiten und Erlebnisse zueinander passen. "Die Orchestrierung der Komponenten ist entscheidend, weil du sonst als Reiseveranstalter für etwas haftest, das nicht zusammenpasst", erklärt der Gründer.
Finanziert wird das Unternehmen durch branchennahe Business Angels, ein Family Office und die NRW Bank. Bei den Margen zielt Vivido über die branchenüblichen drei bis fünf Prozent hinaus. Möglich mache das die Erlebniskomponente, die weniger preistransparent sei als reine Flug-Hotel-Pakete. Den Break-even peilt das Startup für 2027 an.
TV-Kampagnen bei Prosieben Sat. 1 gegen eine kleine Beteiligung am eigenen Unternehmen
Bekanntheit beim Publikum gewinnt man seit Oktober 2025 mit Hilfe einer TV-Kampagne über den Seven Accelerator von ProsiebenSat.1, der sich im Gegenzug für Werbezeiten mit einer Minderheitsbeteiligung an Vivido beteiligt hat, laut Boese ein Brutto-Mediavolumen im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Zuvor hatte das Startup über Kooperationen mit Reise-Communities wie den Urlaubspiraten Reichweite aufgebaut; daraus entstand inzwischen ein White-Label-Modell. Insgesamt habe Vivido seine Umsätze im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt und peile für das laufende Jahr einen zweistelligen Millionenumsatz an, heißt es. Ergänzend testet das Unternehmen Radiowerbung und setzt auf Performance-Marketing über Google und Meta.
Der Reisebürovertrieb soll als neues Standbein beim Wachstum helfen
Besonders relevant ist für Vivido für die nächsten Entwicklungsschritte nun der stationäre Vertrieb. Bereits seit der Gründung fragten einzelne Reisebüros nach Erlebnisreisen, die sie nirgendwo anders fanden, berichtet der Geschäftsführer. Inzwischen hat das Startup eine systematische Anbindung geschaffen: Über Flow Connect können sich Agenturen registrieren und zu einer Standardprovision von zehn Prozent buchen. "Wir wissen, dass wir die Reisebüros aktivieren, Vertrauen schaffen und ansprechbar sein müssen", sagt Boese.
Gespräche mit Ketten laufen schon länger im Hintergrund, in Kürze soll ein erster Rahmenvertrag mit einer großen Reisebürokooperation unterzeichnet werden. Zum Schutz der Vertriebspartner sichert Vivido zu, über Reisebüros gewonnene Kunden nicht ins eigene CRM-Marketing aufzunehmen. Mittelfristig solle der Reisebürovertrieb dann ein festes Standbein werden: "Die Partner spüren, dass das Me-Too-Geschäft überfischt ist und frische, neue Produktangebote genau das ist, was die Kunden brauchen", so Boese.
Pascal Brückmann