12. Juli 2026 | 16:47 Uhr
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Wybcke Meier: "Das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft"

TUI Cruises hat mit der Mein Schiff Flow gerade ihr jüngstes Schiff in Dienst gestellt und blickt trotz geopolitischer Verwerfungen zuversichtlich auf die laufende Saison. Im Interview mit Reise vor9 erklärt CEO Wybcke Meier (Foto), warum sie den deutschen Kreuzfahrtmarkt bei weitem noch nicht für ausgereizt hält.

Wybcke Meier TUI Cruises

Trägt die Gesamtverantwortung für die Marken Mein Schiff und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten und steht seit zwölf Jahren als CEO auf der Brücke von TUI Cruises: Wybcke Meier

Frau Meier, die Mein Schiff Flow ist gerade in Dienst gestellt worden. Was unterscheidet sie von der baugleichen Relax?
Wybcke Meier: Es sind bewusst gesetzte Feinheiten. Wir haben ein anderes Farbkonzept gewählt, im Atrium, in den Korridoren, bei den Treppenhäusern. Dazu andere Kunst in den öffentlichen Bereichen. Bei einer neuen Schiffsklasse fängt man ja mit einer Plattform an und schaut dann schon während der Bauphase des zweiten Schiffs, was man noch verändern kann. Dann hatten wir auch operationelle Learnings aus der ersten Saison mit der Relax: mehr Schattenplätze, flexibleres Mobiliar auf den Open Decks. Und beim Entertainment haben wir die Themen verändert, unser immersives Restaurant Fugu in Zusammenarbeit mit Tim Raue hat jetzt das Thema Singapur statt Japan auf der Relax.

Mit der Relax haben Sie eine sanfte Internationalisierung mit Englisch als zweite Bordsprache angekündigt. Wie entwickelt sich das?
Unser Hauptmarkt bleibt der DACH-Markt, das steht außer Frage. Der Anteil internationaler Gäste liegt bei etwa sechs Prozent, der größte Teil davon aus Österreich und der Schweiz. In Benelux haben wir tatsächlich aufgeholt, im Mittelmeer sehen wir inzwischen auch Interesse von Gästen aus Spanien und Skandinavien. Es geht uns darum, künftig Gästen entgegenzukommen, die nicht der deutschen Sprache mächtig sind. Das funktioniert gut über unsere App und unsere zweisprachigen Ansagen, die wir mittlerweile auf allen Schiffen anbieten.

Für 2031 und 2033 sind zwei weitere Neubauten geplant. Wie weit beschäftigt Sie das schon?
Nach der Auslieferung ist vor der Auslieferung (lacht). Kreuzfahrtschiffe plant man viele Jahre im Voraus. Die Vorbereitungen für neue Schiffe laufen schon lange vor der Indienststellung an. Wir sehen weiterhin eine starke Nachfrage nach unserem Produkt, deshalb entwickeln wir unsere Flotte mit Augenmaß und langfristig weiter. Ab 2027 gehen die beiden Neubauten in die nächste konkrete Projektphase, dann nimmt auch die Werft erste Arbeiten auf. Die Plattform bleibt aber identisch, es werden eher kleinere Veränderungen sein. Insgesamt sind wir mit der Baureihe ja sehr zufrieden.

Die laufende Saison ist gerade für die Pauschaltouristik nicht einfach. Wie zufrieden sind Sie?Insgesamt sehr zufrieden. Gerade die Kreuzfahrt wird auch in herausfordernden Zeiten von neuen Kundengruppen entdeckt, weil sie Budgetsicherheit liefert. Wir liegen mit unseren Buchungen über Vorjahr, auch kapazitätsneutralisiert. Und wenn wir in die Bücher für 2027 schauen, sehen wir eine starke Nachfrage.

Zwei ihrer Schiffe samt Gästen und Crew waren im Frühjahr unmittelbar von den Folgen des Iran-Kriegs betroffen. Wie weit ist das Geschehe wirtschaftlich und emotional aufgearbeitet?
Zunächst einmal ist mir wichtig: Der überwiegende Teil unserer Orient-Saison ist sehr erfolgreich verlaufen und wurde von unseren Gästen hervorragend angenommen. Die geopolitische Eskalation kam erst ganz zum Ende der Saison und hat innerhalb kürzester Zeit die Lage vollständig verändert. Insgesamt waren vier Prozent unserer Kapazität betroffen. Das will ich nicht kleinreden, aber in einem Jahr mit Kapazitätszuwachs und starker Nachfrage können wir das gut absorbieren. Wir sind von der Eskalation überrascht worden und haben das Beste daraus gemacht, mit ruhiger Hand und einem tollen Team an Land und an Bord.

War diese Krise für Sie persönlich herausfordernder als Covid?
Ich würde jetzt nicht anfangen, Krisen zu vergleichen. Ein Krisenranking brauchen wir erfreulicherweise noch nicht. Es war für alle belastend, das steht fest. Aber die Kreuzfahrt ist darauf vorbereitet, mit solchen Situationen umzugehen. Wir trainieren regelmäßig mit unserem Emergency Response Team, spielen Krisenszenarien durch. Das ist wie eine Versicherung: Man hofft, sie nie zu brauchen. Aber im Ernstfall geben klare Prozesse und eingespielte Teams die notwendige Sicherheit. Genau das hat sich auch während der Orient-Krise gezeigt. Dann geht es darum, ruhig zu bleiben und den Fokus auf die Lösungen zu legen.

Aida und Costa haben ihre Orient-Saison auch für den übernächsten Winter 2027/28 bereits abgesagt. Wie lautet Ihre Entscheidung?
Der Orient ist seit vielen Jahren eine attraktive und stark nachgefragte Kreuzfahrtdestination. Gleichzeitig hat uns die jüngste Entwicklung gezeigt, wie dynamisch geopolitische Situationen sein können. Deshalb beobachten wir die Lage sehr genau und stehen in engem Austausch mit Behörden, Sicherheitsexperten und unseren Partnern vor Ort. Die Entscheidungen über den Einsatz unserer Schiffe treffen wir zum richtigen Zeitpunkt auf Basis der dann aktuellen Sicherheitslage. Sicherheit hat dabei immer Vorrang vor jedem Fahrplan. Eine Richtungsentscheidung für die Saison 2027/28 werden wir zeitnah treffen.

Im nun kommenden Winter fahren Sie aufgrund der abgesagten Dubai-Reisen mit einem Schiff ohne Innenpool ab Deutschland. Wie wollen Sie diese Kreuzfahrten trotz der niedrigen Temperaturen positiv gestalten?
Das trauen wir uns sehr gut zu. Wir haben bereits eine Saison mit der Relax auf den Kanarischen Inseln hinter uns, da war das Wetter auch mal herbstlich. Natürlich freuen sich unsere Gäste über Sonnenschein. Aber das Urlaubserlebnis entsteht heute aus weit mehr als dem Pooldeck. Gerade die "InTUItion-Klasse" bietet mit ihren unterschiedlichen Restaurants, Entertainment-Bereichen, dem Hexagon-Theater, Wellnessangeboten und großzügigen Innenräumen viele Möglichkeiten, unabhängig vom Wetter einen besonderen Urlaub zu erleben.

Sie sind bereits seit zwölf Jahren an der Spitze von TUI Cruises. Können Sie sich noch an Ihren damaligen "Erwartungshorizont" erinnern, als Sie die Stelle angetreten haben?
Oh ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Als ich 2014 angefangen habe, mich mit dem Kreuzfahrtmarkt zu beschäftigen, hatte ich tatsächlich die Sorge: Wann ist es zu viel? Gibt es irgendwann ein Schiff zu viel? Der Planungshorizont damals waren vier Neubauten. Als ich dann bei der Meyer Werft in Turku die Mein Schiff 4 im Bau gesehen habe, hat mich das Fieber gepackt. Dass wir dann so schnell weitere Neubauten bestellen mussten, damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet. Aber die Nachfrage war einfach da, die Kundenzufriedenheit hoch.

Und Ihr Blick heute in die Zukunft?
Erst 24 Prozent aller Deutschen haben bislang überhaupt eine Kreuzfahrt gemacht. Ich sehe das Potenzial für den deutschen Markt bei vier bis viereinhalb Millionen Passagieren pro Jahr, aktuell liegen wir bei rund drei Millionen. Gleichzeitig geht es aus meiner Sicht aber nicht einfach darum, immer mehr Schiffe zu bauen. Entscheidend ist, dass wir unsere Produkte kontinuierlich weiterentwickeln und gemeinsam mit den Destinationen wachsen. Die Zukunft der Kreuzfahrt wird nicht allein durch Kapazität entschieden, sondern durch Qualität, Verantwortung und die Fähigkeit, Gäste immer wieder aufs Neue zu begeistern.

Und wann ist es möglicherweise tatsächlich zu viel?
Dass weltweit nur wenige Werften Kreuzfahrtschiffe bauen können, finde ich dabei durchaus beruhigend. Rund 97 Prozent aller Hochsee-Kreuzfahrtschiffe werden in Europa gebaut. Dahinter stehen hochspezialisierte Werften und ein dichtes Netz europäischer Zulieferer. Kreuzfahrt ist deshalb nicht nur Tourismus, sondern auch Industrie, Innovation und Wertschöpfung in Europa.

Das Gespräch führte Pascal Brückmann