14. August 2025 | 07:00 Uhr
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Verantwortung für das Wohl von 65.000 Mitarbeitern

Als TUI-Personalvorständin ist Sybille Reiß (Foto) für 65.000 Mitarbeitende aus 150 Nationen verantwortlich. Im Reise-vor9-Interview erklärt sie wie gut sich die vielen beruflichen Quereinsteiger integrieren lassen, warum TUI an Diversity-Programmen festhält und wie der Einsatz von KI gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung gelöst wird.

Sybille Reiß TUI

Sybille Reiß ist seit über 20 Jahren bei der TUI angestellt und hat seit dem Jahr 2021 in ihrer Funktion als Chief People Officer die Gesamtverantwortung für 65.000 Mitarbeiter

Frau Reiß, als Mitglied des Vorstandes für das Ressort Personal sowie Arbeitsdirektorin der TUI Group sind Sie für rund 65.000 Mitarbeiter verantwortlich. Was macht diese gewaltige Zahl mit Ihnen?

Sybille Reiß: Es ist eine großartige Aufgabe, in einem so diversen, internationalen Team zu arbeiten. Von Hotelmitarbeitenden über KI-Spezialisten bis zu Teams in unseren Heimatmärkten – die Vielfalt an Jobprofilen ist enorm. Als ich die Rolle der Chief People Officer (CPO) von TUI übernommen habe, war ich mir der Verantwortung, die damit einher geht, sehr bewusst. Dazu gehört, herausfordernde Entscheidungen zu treffen – für das Unternehmen, aber vor allem für die Menschen, die es tragen. Entscheidungsfreude und Verantwortungsbewusstsein haben mich früh begleitet – geprägt durch ein familiäres Umfeld, in dem unternehmerisches Handeln selbstverständlich war. 

Wie hat sich der Personalbestand seit Ihrem Amtsantritt im Jahr 2021 entwickelt?

Als ich im Sommer 2021 CPO wurde, befanden wir uns noch in der Corona-Krise und hatten rund 50.000 Mitarbeitende. Mit dem Wiederanlaufen des Reisegeschäfts sind wir gewachsen – vor allem in Technologie, Digitales und Gästeservice. Früh haben wir auf mobiles Arbeiten, flexible Modelle und ein moderneres Employer Branding gesetzt. Heute zählen wir rund 65.000 Mitarbeitende.

Nicht für alle Positionen lassen sich derzeit die optimal qualifizierten Bewerber finden. Daher haben Sie entschieden, dass bis zum Jahr 2030 ein Viertel der TUI-Stellen mit Quereinsteigern besetzt werden sollen. Wie weit sind Sie hier und lässt sich sagen, ob die Quereinsteiger auch langfristig bei der TUI an Bord bleiben?

Als wir die Initiative für mehr Quereinsteigende gestartet haben, ging es uns neben der Besetzung von Stellen auch um einen kulturellen Wandel im Unternehmen, um eine neue Offenheit für das Thema. Zunächst lag der Fokus auf Reisebüros, inzwischen rekrutieren wir konzernweit auf diese Weise und sind hier auf einem guten Weg. Und ja, die Quereinsteiger bleiben. Die Bindung ans Unternehmen ist genauso hoch wie bei Tourismusprofis. 

Innerhalb ihres Ressorts beschäftigen Sie sich auch mit Themen wie Diversity und Demokratie. Gerade amerikanische Unternehmen haben solche Programme wieder auf die Streichliste gesetzt. Wie sehen Sie das? Ist es wirklich die Aufgabe eines börsennotierten Unternehmens, gesellschaftlich Haltung zu zeigen?

Ja. Als Tourismusunternehmen verbinden wir Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Vielfalt, Inklusion und demokratische Werte gehören zu unserer Identität. Programme wie "Demokratie erleben" oder unsere DE&I (Diversity, Equity & Inclusion)-Initiativen sind keine PR-Aktion, sondern gelebte Verantwortung.

Große Bedeutung hat natürlich auch, in welchem Maße heute und in Zukunft die Künstliche Intelligenz bei der TUI zum Einsatz kommt. Wo stehen Sie hier?

Bereits heute kommt KI bei TUI etwa im Kundenservice zum Einsatz, beispielsweise um spezielle Informationen in internen Systemen zu finden. Auch bei der Analyse von Kundendaten, der Vorhersage von Buchungsverhalten oder der Optimierung von Flug- und Hotelkapazitäten spielt KI eine wachsende Rolle. Dort, wo menschliche Nähe oder persönliche Beratung essenziell sind – etwa im direkten Kundenkontakt vor Ort in unseren Reisebüros oder bei sensiblen HR-Themen – unterstützt KI, indem sie beispielsweise Routinearbeiten automatisiert. Wir investieren derzeit gezielt in die praxisnahe Weiterbildung, damit möglichst viele Mitarbeitende KI verantwortungsvoll nutzen und die Potenziale der Technologie für ihren eigenen Job verstehen. Rund 40.000 Kolleginnen und Kollegen haben bereits unser umfassendes KI-Lernangebot genutzt. 

Zumindest in Deutschland sind sie bei diesem Weg auch auf die Zustimmung der durchaus selbstbewussten Arbeitnehmervertretung angewiesen. Wie sieht hier der Interessenausgleich aus?

Bei TUI haben Unternehmensleitung und Konzernbetriebsrat bereits Anfang 2023 ein gemeinsames Positionspapier verabschiedet, das klare Leitplanken für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz setzt. Darin haben wir uns darauf verständigt, das Potenzial von KI verantwortungsvoll und chancenorientiert zu nutzen – zum Vorteil des Unternehmens und seiner Mitarbeitenden. Das Papier sieht unter anderem eine regelmäßige und umfassende Information sowie die aktive Einbindung der Arbeitnehmervertretung bei der Einführung neuer KI-Anwendungen vor. Besonders im HR-Kontext ist eine wichtige Grundhaltung fest verankert: Die finale Entscheidung liegt immer beim Menschen – nicht bei der KI. Dieser Grundsatz unterstreicht unseren Anspruch, technologische Innovation mit sozialer Verantwortung zu verbinden.

Sie sind selbst ein TUI-Eigengewächs und seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen, haben neben Höhen sicher auch einige Tiefen erlebt. Gab es einmal eine Situation, in der sie die TUI beinahe verlassen hätten? 

Tatsächlich nicht. Natürlich war ich im Laufe der Jahre auch mal in bestimmten Situationen nicht zufrieden. Mein Impuls darauf war jedoch nie, das Unternehmen zu verlassen, sondern die Dinge zu hinterfragen und aktiv mitzugestalten. Ich hatte dabei oft das Glück, und auch die Unterstützung, Veränderungen selbst anzustoßen. So konnte ich Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit anderen an Verbesserungen arbeiten.

Das Gespräch führte Pascal Brückmann

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